Experte: Deutschland für Fachkräfte derzeit “nicht besonders attraktiv”

Aktualisiert am 12.07.2022 um 10:12 Uhr

  • Ein Drittel der Belegschaft wird in den nächsten 15 Jahren in Rente gehen.
  • Die Regierung will eine “Opportunity Card” für Einwanderer einführen.
  • Experten fordern jedoch mehr Flexibilität.
Dieser Text enthält eine Einordnung des aktuellen Geschehens, die neben Daten und Fakten auch die Einschätzungen von Michael Freakman und ggf. Experten enthält. Informieren Sie sich über die unterschiedlichen Arten journalistischer Texte.

Der Fachkräftebedarf in Deutschland wird in den nächsten Jahren weiter wachsen. „In den nächsten 15 Jahren werden rund 13 Millionen Arbeitnehmer in Rente gehen“, sagt Ulf Rinne, Arbeitsmarktforscher am Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn. Das ist etwa ein Drittel aller Erwerbstätigen in Deutschland.

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Rinne sieht zwei Hauptprobleme der Gesellschaft: Sie schrumpft und sie altert. In der jüngeren Kohorte gibt es deutlich weniger Babyboomer als in der älteren Kohorte. Sie erhöht den Druck auf die Sozialsysteme und macht die Gesellschaft weniger innovativ. Die Politik hat in den vergangenen Jahren immer wieder diskutiert, wie diesem Problem durch Reformen des Ausländerrechts begegnet werden kann. Daraus ist aber bisher wenig geworden.

Laut Arbeitsmarktexperten gibt es zwei Hauptgründe für die schlechte Rekrutierungsquote von Arbeitskräften aus Drittstaaten außerhalb der EU. Für viele dieser Menschen ist die deutsche Sprache eine große Barriere. Derzeit gibt es in Deutschland nur sehr wenige englischsprachige Tagesangebote. Ein weiteres Problem ist, dass viele Zuwanderer langwierige Verfahren durchlaufen müssen, um ihre Berufsqualifikationen anerkennen zu lassen. Damit sei Deutschland als Standort für viele Arbeitskräfte aus dem Ausland “nicht besonders attraktiv”, stellt Ulf Rinne fest.

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Die Anerkennung von Berufsqualifikationen ist ein großes Hindernis für die Zuwanderung

Auch René Lehwes-Litzmann vom Soziologischen Forschungsinstitut in Göttingen (SOFI) beklagt, dass die Anerkennung von Berufsqualifikationen oft mit Problemen verbunden sei. Migranten “können hierzulande oft nicht die erforderlichen Qualifikationen vorweisen, selbst wenn sie über die nötigen Kenntnisse verfügen”.

Ein anderer Fall tritt häufig auf: Viele Menschen können Qualifikationen vorweisen, die in Deutschland nicht als gleichwertig gelten. Anschließend folgt eine langwierige und kostspielige „Gleichwertigkeitsprüfung“ für Facharbeiter.

Die Bundesregierung plant daher die Einführung einer sogenannten „Chancenkarte“, um den Fachkräftefluss zu verbessern. Dann könnten Auswanderungswillige mit Arbeitsvertrag leichter nach Deutschland kommen. Darüber hinaus können Personen ohne Arbeitsvertrag nach Deutschland einreisen und mit anderen nachgewiesenen Kenntnissen und Fähigkeiten in Deutschland arbeiten. Die von der Regierung geplante „Opportunity Map“ soll an bestimmte Kriterien geknüpft werden. Dazu gehören: Sprachkenntnisse, Berufserfahrung, Deutschlandbezug und auch das Alter der Person.

Experten fordern mehr Ausnahmen für Arbeitgeber

Die Gewerkschaften stimmen solchen Maßnahmen zu. IG-Metall-Chef Jörg Hoffmann sagte der Deutschen Presse-Agentur (dpa): „Bürokratische Hürden – von der Beantragung eines Visums bis zur Anerkennung von Berufsqualifikationen – behindern heute die Zuwanderung.“ Auch aus der Wirtschaft gehen liberale Stimmen ein. Gleichzeitig plädiert der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) für mehr Flexibilität für Unternehmen: „In manchen Bereichen wünschen sich die Unternehmen aufgrund ihrer praktischen Erfahrungen weitere Schritte.“

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Arbeitsmarktökonom Ulf Rinne glaubt nicht, dass diese “Chancenkarte” dem Fachkräftemangel entgegenwirken wird. Denn nach wie vor bleiben Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache und die oft langwierigen Verfahren zur Anerkennung von Berufsqualifikationen zentrale Probleme. “Deutschland ist bei der Bewertung im Ausland erworbener Berufsqualifikationen noch zu sehr auf formale Zeugnisse fixiert und hat wenig Vertrauen in die Fähigkeit der Arbeitgeber, geeignete Bewerber zu finden”, sagt Ulf Rinne. Es besteht auch die Gefahr, dass durch diese Maßnahme alles noch bürokratischer wird. “Aber eine Emanzipation erfordert den Mut zu unkonventionellen Lösungen.”

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Zukunftsperspektiven des Arbeitsmarktes werden derzeit kaum diskutiert

Um die Situation auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern, hat die Regierung auch Änderungen im Einbürgerungsgesetz beschlossen. Die Ampelkoalition hat sich dafür eingesetzt, die Wartezeit bis zur Beantragung eines deutschen Passes zu verkürzen. Das soll jetzt nicht nach acht, sondern nach fünf Jahren möglich sein. Lehwei-Litzman ist jedoch nicht davon überzeugt, dass die Maßnahme weitreichende positive Auswirkungen haben wird. „Um zu arbeiten und Geld zu verdienen, ist die Staatsbürgerschaft im Gastland nicht erforderlich“, sagt der Arbeitsmarktforscher. Wenn Zuwanderer den Familiennachzug hingegen leichter in Anspruch nehmen könnten, würde das mehr Menschen dazu bewegen, nach Deutschland zu kommen, vermutet der Experte.

Lehwes-Litzmann weist zudem darauf hin, dass sich der Bedarf an Fachkräften in Deutschland nicht nur zahlenmäßig verändern wird. Das steht dem Land ohnehin bevor, wenn in den nächsten Jahren Menschen über 50 in Rente gehen. Vielmehr wird der Arbeitsmarkt auch strukturelle Veränderungen erfahren. Der Fachkräftebedarf wird sich laut dem Göttinger Forscher künftig stärker an den Anforderungen des ökologischen Wandels orientieren.

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In manchen Bereichen ist es möglich, dass bei Fachkräftemangel weniger produziert wird. Für andere Regionen ist dies jedoch nicht möglich. Weil die Menschen im Durchschnitt älter werden, gelte das vor allem in der Altenpflege oder im allgemeinen öffentlichen Dienst: „Hier kann es weh tun, Einschnitte zu machen.“ In aktuellen politischen Debatten spielen diese Aspekte jedoch bislang kaum eine große Rolle.

Über Experten:

Dr. Ulf Rinnen Arbeitet als Arbeitsmarktökonom am Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn. In seiner Forschung beschäftigt er sich nicht nur mit einwanderungs- und integrationspolitischen Fragestellungen, sondern auch mit der Wirksamkeit arbeitsmarktpolitischer Maßnahmen.

Dr. René Lehwes-Litzmann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologische Forschung in Göttingen. Er forscht zu Arbeitsmarkt- und Beschäftigungspolitik sowie Arbeitsmarktentwicklungen.

Verwendete Quellen:

  • Gespräch mit Dr. Ulf Rinne und Dr. René Lehwes-Litzmann
  • DIHK: Der DIHK will das Fachkräfteeinwanderungsgesetz reformieren
  • dpa

Der Fachkräftemangel in Deutschland wird immer schlimmer – und kommt der Bundesrepublik teuer zu stehen. Könnte Einwanderung die Lösung sein? (Bildnachweis: IMAGO / Jochen Tack)

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