Der Starregisseur im Gespräch – Werner Herzog: «Das 20. Jahrhundert war ein Fehler» – Kultur

Werner Herzogs Filme stellen meist absolute Situationen menschlicher Existenz dar. Auch seine Vorhersagen über die Zukunft unseres Planeten sind sehr düster. Ein Gespräch zwischen Hoffnungslosigkeit und Trost.

Werner Herzog

Werner Herzog

Regisseur und Autor


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Schließen Sie die Kiste mit den Menschen

Werner Herzog gilt als einer der wichtigsten Vertreter des internationalen Autorenfilms und des neuen deutschen Kinos. Das Time Magazine hat ihn 2009 zu einem der 100 einflussreichsten Menschen der Welt gekürt.

SRF: In Ihren Dokumentationen und Filmen geht es oft um Menschen, die sich bewusst in Lebensgefahr begeben, wie „Grizzly Man“, das Vulkanologen-Ehepaar in „Die innere Glut“ oder der Bergsteiger Reinhold Messner. Jemand, der den Eindruck hat, dass Sie gerne an Orte gehen, an denen Sie dem Tod nahe sind.

Werner Herzog: Nein. Ich bin ein Profi. Ich möchte mit einem Film zurückkommen. Manchmal erfordert es, dass ich mich in riskante Bereiche vorwagen muss. Aber ich selbst und die Erfahrung selbst sind immateriell. Für mich zählt, was das Publikum sieht.

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Ihr Dokumentarfilm „Grizzly Man“ handelt von einem jungen Mann, der sich als Hüter der Grizzlys versteht. Dann wurde er von ihnen angegriffen und gefressen. Sie beobachten jemanden, der sich einer Gefahr aussetzt, die Sie als Zuschauer kaum ertragen können.

Dieser Film schlug in Amerika ein wie eine Bombe. Denn dort hast du keine Verbindung mehr mit dem, was Natur ist. Alles wird von Walt Disney entschieden. Die Natur ist völlig gleichgültig, apathisch.

Wir sollten die Einstellung haben, die Welt wiederherzustellen.

Das Universum ist auch feindselig, chaotisch und unbewohnbar. Dieses philosophische Missverständnis der wilden Natur brachte den Tod von Timothy Treadwell und seiner Freundin.

Was halten Sie von unserer Sicht auf Naturschutz? Ist das eine „Disneyisierung“ der Natur?

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Es wäre besser, wenn wir die Natur besser verstehen würden. Aber wir sollten immer noch die Einstellung haben, die Welt, die wir zerstört haben, wiederherzustellen.

Hinter all dieser Zerstörung stehen zwei grundlegende Probleme. Erstens haben wir zu viele Leute. China hat versucht, die Geburtenrate zu begrenzen – zum Glück, auch wenn die Folgen für den Einzelnen verheerend waren. Sonst hätten wir heute statt 1.400 Millionen 3.000 Millionen Chinesen.

Die Weltbevölkerung hat sich um ein Vielfaches vervielfacht. Es war ein Disaster.

Zweitens ist ein großer Teil der Menschheit vom Konsum geprägt. Sehr wenige Gesellschaften auf der Welt sind dagegen oder leben anders – die Amish zum Beispiel. Sie besitzen keine Maschinen, fahren Pferde, verbrauchen keinen Strom und arbeiten wie bäuerliche Familienbetriebe. Allerdings: Wir können Milliarden von Menschen nicht wieder zu Jägern und Sammlern machen.

Ihre Generation spielt in diesem Prozess eine wichtige Rolle. Es hat mehr Ressourcen verschwendet als vor Zehntausenden von Generationen.

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Zwischen 1900 und 2000 hat sich die Weltbevölkerung vervielfacht. Es war eine Katastrophe.

Außerdem wurden Atomwaffen produziert und utopische Sozialismen wie Kommunismus und Faschismus entstanden. Aus diesem Grund glaube ich, dass das gesamte 20. Jahrhundert ein Fehler war. Jetzt müssen wir so schnell wie möglich aus diesem Fehler lernen.

Erwarten von? Da werde ich aufpassen.

Hast du das Gefühl, dass das passiert?

Wir haben keine Wahl. Wir werden uns daran gewöhnen müssen, unseren Konsum einzuschränken und vorsichtiger mit der Zahl der Kinder umzugehen, die wir zur Welt bringen.

Was gibt dir Hoffnung?

Erwarten von? Da werde ich aufpassen. Ich könnte Trost richtiger ausdrücken. Lesen Sie Hölderlin. Oder höre tolle Musik. Musik hat es in sich. Manchmal tun Filme das auch – sehr selten, sehr, sehr selten.

Interview geführt von Wolfram Eilenberger.

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